Die hier vorgelegte Zweite Sinfonie des Komponisten wurde in der Zeit der Corona-Pandemie und der Lockdowns komponiert. Es wundert demnach nicht, in ihrem Gehalt funktionale Phänomene von Musik in Zeiten der Isolation und der Krankheit wiederzufinden:
1633/1634 überwinterten auf der arktischen Vulkaninsel Jan Mayen sieben niederländische See-leute, um die dort eingerichtete Walfangstation zu bewachen. Sie schrieben ein Tagebuch, in das hauptsächlich das wechselhafte Wetter, diverse Sichtungen in der Landschaft, Erfolge und Miss-erfolge der Jagd auf Eisbären und Wale eingetragen wurden. Ab März 1634 berichtet das Tage-buch auch über den Ausbruch von Skorbut, an dem schließlich Ende April des Jahres alle sieben Männer starben:
Ein Tagebuch geführt von sieben Seeleuten, welche auf der Insel St. Maurice (Jan Mayen) bei Grönland in den Jahren 1633 bis 1634 überwinterten und sämmtlich auf dieser Insel starben. Anlage II in: Die Österreichische Arktische Beobachtungsstation auf Jan Mayen 1882 – 1883, Wien: von Gerold & Co. 1882, S. 64 – 79.
Die hier vorgelegte Sinfonie vertont nicht das Tagebuch, aber sie ließ sich von den Stimmungen, die bei der Lektüre aufkamen, inspirieren. Und einige wenige Stellen sind dann doch auch als Ver-tonungen gedacht, insbesondere die Salutschüsse am Ende der Sinfonie.
Zwei Lied-Zitate sind anzumerken:
Im ersten Satz, Takte 293 – 309, sowie durchgehend im zweiten Satz wird das Lied Ei, wilder dan wild, wie zal mij temmen benutzt [Quelle: van Camphuysen, Stichtelijcke rijmen, 1624, 136]. Es geht in diesem Lied um unglückliche Liebe, um die Bezichtigung der Frau, den baldigen Tod des unglücklichen Sängers verschuldet zu haben. Ich fand, dass es als Schlager seiner Zeit ganz gut zur Isolation der Seeleute auf der Insel passe.
Das zweite Zitat, das Kirchenlied Wilt heden nu treden voor God den Heere (Adriaen Valerius), geht auf die Melodie von Ei, wilder dan wild zurück. Es handelte sich um ein Dankgebet für die gewonnene Schlacht von Turnhout 1597 und erscheint hier im ersten Satz in den Takten 316 – 332 in programmatischer Absicht (Dankgebet zum Jahreswechsel) und dient im Caput Orphei als Affektgrundierung der imaginären Beerdigungsszene. Erst einige Zeit nach der Auswahl beider Lieder als Referenzmomente der Sinfonie entdeckte ich, dass das Kirchenlied auch im Dritten Reich Verwendung gefunden hatte. Verbietet sich deshalb die Verwendung hier? Zwei Argu-mente sprechen dagegen, aber aus diametralen Richtungen: 1. Das Wie der Zitation besorgt die Differenz. 2. Insofern die besagte Melodie in beiden Sätzen die melancholisch gestimmte Dank-barkeit zu Gehör bringt, zu den Lebenden zu gehören, passt am Finale der Sinfonie das Dankge-bet um die gewonnene Schlacht in Wahrheit aber doch präzise zur propagandistischen Nutz-barkeit jeglicher Musik, zur Trauerfeier für die gleichwohl geopferte Natur. Denn selbst wenn diese Sinfonie nicht aus der testamentarischen Form, als die sie sich im Tagebuch widerzuspiegeln be-gehrte, ins Leben treten sollte, das heißt, eine Aufführung versagt bliebe, adressierte sich den-noch, wie der echte, so auch ihr simulierter Salut keineswegs an die Toten.
Erkrath im März 2026
A. S.